‘FUTURISMUS‘ UND ‘DADA‘, Marinetti und Tzara: vereinigt im Geiste des NET.FUTURISMUS

Was den heutigen NET.FUTURISMUS als einzige zeitgenössische AVANTGARDE charakterisiert bzw. glaubwürdig und vital macht, dürften jene unermüdlichen Bemühungen sein, welche ständig aufs Neue zu dem Zweck unternommen worden sind, um die raffiniertesten Intuitionen der teilweise grundverschiedenen “Avantgarden des 20. Jahrhunderts“ zur höchsten Reife zu bringen.

In diesem Sinne war beileibe nicht der “komplette FUTURISMUS“ explosiv, brachte keineswegs der “totale DADA“ die volle Erleuchtung; noch war die “Conceptual Art“ hundertprozentig revolutionär.

Weiterhin zeitigten sowohl die “Video-Art“ als auch die “(Inter-) Net-Kunst“ höchst interessante Ausgangspunkte des gemeinsamen künstlerisch-technologischen Aufbruchs; jedoch führten sie andererseits immer wieder zu künstlerisch mäßigen Lösungen.

Der NET.FUTURISMUS hingegen bezieht sich namentlich und ideell auf den FUTURISMUS, da dieser die tatsächlich ERSTE BEWEGUNG DER “ORGANISIERTEN AVANTGARDE“ in der Kunst- und Kulturgeschichte darstellt.

Dementsprechend ist der DADAISMUS von vielen Kunst- und Kulturhistorikern bis heute politisch und ästhetisch am weitesten entfernt vom FUTURISMUS angesehen worden; diese Art von pseudowissenschaftlicher Betrachtungsweise herrscht sogar in unseren Tagen noch vor.

In Wahrheit aber ist das “Abenteuer DADA“ aus den besten Intuitionen des FUTURISMUS entstanden!

Gewiss – in jenem historischen Augenblick, in welchem der DADAISMUS das Licht der Welt erblickte und sofort mit kulturrevolutionär-brillantem Elan diese ureigenen “futuristischen“ Intuitionen kreativ weiterentwickelte, war der FUTURISMUS selber noch sehr lebendig und hatte (leider) bereits einen Weg eingeschlagen, der in vielerlei Hinsicht in quasi diametral entgegen gesetzte Richtungen verlaufen sollte.

Einige Jahrzehnte nach dem “dadaistischen Experiment“ berichtete TRISTAN TZARA (16.4.1896 in Rumänien – 24.12.1963 in Paris; Schriftsteller, und als Sprachkünstler Gründungsmitglied von DADA Zürich 1916) folgendes über die gemeinsamen (“anti“-) ästhetischen Grundpositionen:

“Die steifen Grenzen der bürgerlichen (“Schönen“) Künste zu überschreiten, ihre vermeintlichen unerreichbaren Höhenflüge drastisch herabzustufen, die Kunst wieder in den Dienst des Menschen zu stellen – somit ihm täglich zur Verfügung zu stellen: Kunst und Dichtung zu demütigen bedeutete dementsprechend, ihnen eine untergeordnete Funktion zuzuweisen – einen Platz im Schatten der höchsten vitalen Bewegung, die sich nur in den Begrifflichkeiten des Lebens messen lässt.

Die KUNST AN SICH – hier immer mit Großbuchstaben geschrieben! – hatte doch stets das Bestreben, eine privilegierte und tyrannische Stellung auf der menschlichen Werteskala einzunehmen. Hat sie gerade dies nicht dazu gebracht, sämtliche Bezüge zum Menschen, seinen Bedürfnissen und Befindlichkeiten zu verlieren?

Das ist der eigentliche Grund, warum sich DADA als ANTI-KÜNSTLERISCH, ANTI-LITERARISCH und ANTI-POETISCH verstand.

Spätestens hier springt einem förmlich in die Augen, wie sich die verwendeten Begrifflichkeiten und Kunst-Konzepte gleichen:

Tatsächlich handelt es sich um Ideen, für die der FUTURISMUS “pionierhaft“ steht!

Im folgenden sei nun ein Zitat von FILIPPO TOMMASO MARINETTI (22.12.1876 in Alexandria/Ägypten – 2.12.1944 in Bellagio am Comer See/Italien; italienischer Schriftsteller und Dichter in “Freien Worten“ – Begründer und “Spiritus rector“ des FUTURISMUS) aus dem Jahre 1913 wiedergegeben – eine Äußerung, wie sie ähnliche von ihm in großer Zahl überliefert sind:

“Als ich sagte, dass man ‘jeden Tag auf den ALTAR DER KUNST spucken‘ müsse, wollte ich die FUTURISTEN dazu anregen, ihre poetische Begeisterung von jener ‘feierlichen Atmosphäre‘ abzuwenden, die voller Zerknirschtheit und Weihrauch ist und welche man als DIE GROSSE KUNST zu titulieren pflegt.

DIE GROSSE KUNST gründet ihren klerikal-religiösen Tempel auf dem SCHÖPFERGEIST.

Ich regte die FUTURISTEN jedoch dazu an, die GIRLANDEN MIT HOHN ZU ZERSTÖREN: die Siegespalmen, den Glorienschein, die kostbaren Rahmen und Schnörkel, die Stolen und Gewänder, die ganze historische Garderobe und das romantische Gerümpel, welche allesamt einen Großteil der Dichtkunst bis zum heutigen Tag ausmachen.

Ich verfocht hingegen einen äußerst schnellen ‘Lyrismus der dynamistischen Extreme‘, der brutal und plötzlich auftritt; eine Dichtkunst, die auf alle unsere Vorläufer ANTI-POETISCH wirken muss: einen ‘Lyrismus der Telegraphenämter‘, der ABSOLUT NICHT NACH BUCH RIECHT, sondern dafür umso mehr BIS ZUM MAXIMUM DEN DUFT DES LEBENS versprüht.

Die wörtliche und konzeptionelle Übereinstimmung zwischen FUTURISMUS und DADA ist verblüffend:

Der DADAISMUS bemächtigte sich der RADIKALSTEN “FUTURISTISCHEN“ INTUITIONEN und entwickelte diese bis zum HÖCHSTMÖGLICHEN GRAD weiter.

UND DARUM KLINGT DIE “POETIK DES NET.FUTURISMUS“ HEUTE IN GLEICHEM MASSE “FUTURISTISCH“ UND “DADAISTISCH“ !

HIER GIBT ES ÄSTHETISCH KEINEN FUNDAMENTALEN UNTERSCHIED.

Der FUTURISTISCHE OPTIMISMUS und der DADAISTISCHE NIHILISMUS sind NICHT INKOMPATIBEL, da der NET.FUTURISMUS den OPTIMISMUS DES FUTURISTISCHEN MENSCHEN wieder aufnimmt und sich ZUGLEICH auf den ÄSTHETISCHEN NIHILISMUS des “Abenteuers DADA“ – sowie den ästhetischen Nihilismus des ERSTEN FUTURISMUS (1909–1915/16) – bezieht.